Der Teckbote 2011

Gerhard Calaminus 28. September 2011  'Musikalische Reise zu historischem Neuland'
Kirchheim/Teck. Das Ensemble Tripla und Gertud Junker boten in der Martinskirche "Entdeckungen aus der Renaissance"
Josquin de Prez (1440-1521), Guillaume Dufay (1400-1474) und Catarina da Bologna (1413-1463): War die Lebenszeit dieser Renaissance-Komponisten nicht auch diejenige, in der Kolumbus lebte, dessen Neugier ihn auf Entdeckerreise schickte? Das Konzert in der Martinskirche mit dem Ensemble Tripla führte mitten hinein in jene Zeit. Sei es, dass die Zuhörer gebannt waren vom ungewohnten Konzert-programm, sei es, dass das Umfeld in der Martinskirche ein zeitgenössisches Flair für jene Kompositionen zu vermitteln versprach - auf jeden Fall war die Neugier auf konzertante Renaissancemusik erfreulich.
Gleichzeitig muss man feststellen, wie wenig der heutige Konzertbetrieb Musik des 15. Jahrhunderts berücksichtigt. Überraschend, manchmal sogar fremd sind die Harmonien und reinen Klänge für den in dieser Musik noch unerfahrenen Hörer. Angesichts dessen weiß man nicht, was man mehr bewundern soll: den Mut des Ensembles Tripla für die Musikwahl oder den Mut des Publikums zum Konzertbesuch an diesem Spätsommerabend.
Monika Tahiri, Martin Hermann und Ingrid Gräbner auf verschiedenen Consortblockflöten sowie die Singstimme von Gertrud Junker zeigten bereits zu Beginn anhand dreier Hymnen der Catarina da Bologna, wie die Stimmen miteinander verwoben, einander zugeordnet, einander folgend oder kontrapunktisch hinzugefügt wurden. Gleich mit diesem Einstieg nahm das Ensemble die Hörer mit auf Entdeckerreise.
Das nicht hörbare, sondern nur sichtbare Wechseln der Instrumente während eines Kompositionsteils -aus klanglichen Gründen oder wegen des Tonumfangs - ist dabei eine Kunst, die die Mitglieder dieses Ensembles meisterlich beherrschen. Die Besetzung der Stücke mit Singstimme und drei Consortblockflöten erfordert darüber hinaus eine Abstimmung von Lautstärke, Dynamik und Timbre, die ihre Höchst-schwierigkeiten dort offenbart, wo die Singstimme in der Höhe naturgemäß lauter wird als die Stimmen der Instrumente. Trotz der Durchsichtigkeit der Stimmen war oft besonders bei sehr leisen Stellen nicht zu unterscheiden, was Stimme und was Instrument war - ein eindrucksvoller Effekt, der die Homogenität dieses Ensembles zeigt.
Guillaume Dufays und Josquin de Prez' Werke folgten wie Schulbeispiele für die Kompositionsweise im 15. Jahrhundert. Dufays Leistung als burgundischer Komponist besteht in der Weiterentwicklung der lateinischen Messe durch Verbindung spätmittelalterlicher Musik mit Kompositionen der Renaissance. Besonders in den drei Teilen seiner wohl berühmtesten Messe „Ave regina caelorum" sowie drei weiteren Kompositionen waren - bei aller Virtuosität insbesondere der Singstimme - die Durchsichtigkeit und das Klangbild im Kirchenraum ein besonderes Anliegen der vier Solisten.
Von Josquin de Prez hatten die Künstler Teile der berühmtesten Messe ins Programm genommen. Die außerordentliche Fülle erfindungsreicher Ideen in Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei nahm das Ensemble auf. Das - gegenüber Kompositionen früherer Meister - weniger sequentorische, die vielmehr konsequent durchgeführte Zwei- bis Vierstimmigkeit vermittelte eine zusätzliche Spielfreude, die sich auf Spannung und Aufmerksamkeit des Publikums übertrug.
Ein zwischen die einzelnen Konzertteile geschobenes „Alleluja" im gregorianischen Stil, souverän gesungen von Gertrud Junker, sowie verschiedene biblische Texte und Legenden, ausdrucksvoll gelesen von Christa Schimpf, waren kontemplatorische Pausen im Ablauf des Konzerts.
Dass sich die unerwartet große Zahl der Zuhörer im Chor der Martinskirche auch in Zukunft weitere Konzerte mit Kompositionen der Renaissance und dem Ensemble Tripla wünscht, kam nach dem letzten Ton durch lang anhaltenden Beifall zum Ausdruck.